Erfolgreiche gehörlose und schwerhörige Menschen im Beruf

Arbeits- und Lebenswelten, Bildungsgeschichten und Personen

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Was bedeutet beruflicher Erfolg für die Interviewteilnehmer/-innen?

Bei der Suche nach beruflich erfolgreichen hörgeschädigten Menschen für das Projekt EGSB wurden keine Kriterien für Erfolg vorgegeben: keine Gehaltsstufe, keine Position in einer Hierarchie, keine Dauer der Beschäftigung oder sonstige Merkmale. Grundlegendes Kriterium war vielmehr die Wahrnehmung von sich selbst als beruflich erfolgreich.

Entsprechend lautete der Aufruf in verschiedenen Internetportalen:

Sehen Sie sich als beruflich erfolgreich und zufrieden?

Sind Sie gehörlos oder schwerhörig?

Die Pädagogische Hochschule Heidelberg sucht im Rahmen eines Forschungsprojektes unter der Leitung von Prof. Dr. Manfred Hintermair erfolgreiche gehörlose und schwerhörige Menschen im Beruf.

Individuelle Konzepte zu „Berufserfolg“

Bereits eine kurze Literaturrecherche zur Berufsforschung zeigt, dass es bislang keine allgemein akzeptierte Definition beruflichen Erfolges gibt.

Eine häufig getroffene Unterscheidung ist lediglich die zwischen objektiven und subjektiven Kriterien. Objektiver Erfolg ist messbar und überprüfbar, wohingegen sich subjektiver Erfolg ableitet aus dem individuellen Erleben eines Menschen.

Skizze: individuellen Konzepten zu "Berufserfolg" Die Skizze zeigt die unterschiedlichen Kriterien zur Einordnung des beruflichen Erfolgs. Eine Beschreibung der Inhalte erfolgt im Text. Kriterien für beruflichen Erfolg Subjektive Kriterien (individuelle Sicht auf berufliche Erfahrungen) Objektive Kriterien (beobachtbar, messbar) selbstreferentiell fremdreferentiell Kriterien für beruflichen Erfolg Subjektive Kriterien (individuelle Sicht auf berufliche Erfahrungen) selbstreferentiell fremdreferentiell Objektive Kriterien (beobachtbar, messbar)

Frage zu Beginn des Interviews:

Die Aussage, jemand sei erfolgreich im Beruf, kann ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Können Sie uns erläutern, was Sie persönlich darunter verstehen?

Antwort eines IP:

"Das ist 'ne sehr gute Frage. Ich hab mich gefragt, was heißt wirklich Berufserfolg? Heißt das, dass man selber 'ne bestimmte Position erreicht hat? Heißt das, dass man viel Geld verdient? Heißt das, dass man zufrieden ist? Heißt das, dass man mit anderen Menschen guten Kontakt hat? Also beruflicher Erfolg bedeutet sicher vieles. Also was für MICH am wichtigsten ist, dass man einfach Spaß hat an seinem Beruf und ich glaube, das ist völlig unabhängig davon, was man macht."

In dieser Antwort finden sich beide Dimensionen, Objektivität und Subjektivität: Höhe des Einkommens und berufliche Position sind messbar und beobachtbar und somit objektive Kriterien. Mit anderen Menschen in gutem Kontakt sein, zufrieden sein und Spaß am Beruf sind individuelle Erfahrungen und also subjektive Kriterien.

Anteile von objektiven und subjektiven Kriterien über die gesamte Stichprobe:

  • Alle 32 IP nennen subjektive Kriterien, 18 IP (56%) nennen zusätzlich objektive Kriterien.
  • In den Antworten werden insgesamt 119 Aspekte genannt, von denen 31 (26%) auf objektive Kriterien, 88 (74%) auf subjektive Kriterien entfallen.

Objektive Erfolgskriterien

Objektiver Berufserfolg wird meist über das Gehalt, die berufliche Position bzw. Karriere oder das Berufsprestige einer Person gemessen. Diese Aspekte, mit Ausnahme von Berufsprestige, spiegeln sich auch in den Antworten der Untersuchungsgruppe.

Die objektiven Kriterien lassen sich in 5 Argumentgruppen einteilen: Gehalt, Ausbildungsadäquatheit, Verantwortlichkeit, Führungsposition, Karriere.

Dabei fiel ein Drittel der Nennungen auf Gehalt, gefolgt von Verantwortlichkeit, z.B. für ein Projekt oder spezifische Aufgaben, an zweiter Stelle. Ausbildungsadäquate Beschäftigung und Karriere werden in gleicher Häufigkeit an dritter Stelle genannt. Schlusslicht bildet das Innehaben einer Führungsposition.

Objektive Erfolgskriterien (31 Nennungen von 18 IP)

Beispiele für objektive Erfolgskriterien

"Also das Maximum (bzgl. Gehalt) habe ich sehr schnell erreicht. Dass ich da so schnell aufgestiegen bin, bedeutet für mich auch Erfolg."

"... dass ich eine Stelle habe mit Verantwortung, also das, was ich studiert habe und keine Stelle, die einen unterfordert."

"Jetzt fange ich auch an, Mitarbeiter zu führen."

Subjektive Erfolgskriterien

Beruflicher Erfolg misst sich für die Interviewteilnehmer/-innen vor allem an subjektiven Kriterien, die nach selbstreferentiellen, fremdreferentiellen und interviewbasierten Bezügen unterschieden werden können.

Mehr als die Hälfte der subjektiven Kriterien (50 Nennungen = 57%) sind selbstreferentielle Kriterien, sie beziehen sich auf die eigene Person. Bei fremdreferentiellen Bezügen wird der Blick auch auf andere Personen gerichtet, in der Regel auf Vorgesetzte, Kollegen oder Kunden (23 Nennungen = 26%). Der Begriff „interviewbasiert“ bezeichnet Argumente, die den Aspekt „erfolgreich trotz oder wegen der Hörschädigung“ zur Sprache bringen und die nur im Kontext von Hörschädigung und Berufsleben von Bedeutung sind; auf sie entfallen 14 Nennungen (16% der subjektiven Kriterien).

Selbstreferentielle Kriterien:

  • Erleben der eigenen Kompetenz, z.B. eigene Ideen verwirklichen, selbstständig arbeiten, sein Wissen einbringen u.a.
  • Erreichen von Zielen
  • Spaß an der Arbeit
  • Zufriedenheit – bezieht sich auf die gesamte Lebenssituation (z.B. begründet ein Teilnehmer, dass ihm sein Job eine gute Balance und einen guten Lebensstandard ermöglicht.)
  • Persönliche Weiterentwicklung
  • Sicherheit des Arbeitsplatzes
Subjektive Erfolgskriterien - Selbstreferentiell (50 Nennungen von 32 IP)

Fremdreferentielle Kriterien:

  • Anerkennung
  • Kooperation
  • Beitrag für andere
  • Vergleich zu anderen Personen
Subjektive Erfolgskriterien - Fremdreferentiell (23 Nennungen von 32 IP)

Interviewbasiert:

  • Berufliches Ziel erreicht trotz oder mit der Hörbehinderung
  • Gelingende Kommunikation
Subjektive Erfolgskriterien - Interviewbasiert (14 Nennungen von 32 IP)

Beispiele für subjektive Erfolgskriterien

"Für mich bedeutet es, dass man ein Ziel, das man sich gesetzt hat, auch erreicht."

"… dass Du anerkannt bist mit deinen fachlichen Kenntnissen und Fähigkeiten, dass du diese verteidigen kannst .“

" 90 Prozent schwerbehindert, wenn man so alles mal betrachtet, hab ich das gut hingekriegt."

Zusammenfassung

  • Die Einschätzung des eigenen beruflichen Erfolges wird von allen 32 IP mit subjektiven Kriterien begründet, 18 IP nennen auch objektive Kriterien.
  • Knapp zwei Drittel der subjektiven Kriterien sind selbstreferentiell, d.h. Bezugsmaßstab ist die eigene Person. Das wichtigste Argument ist das Erleben der eigenen Kompetenz, gefolgt von dem Erreichen von beruflichen Zielen.
  • Ein Viertel der subjektiven Kriterien ist fremdreferentiell. Am wichtigsten hierbei ist die Anerkennung durch andere Personen.
  • 16% der subjektiven Kriterien sind die Hörschädigung betreffende Argumente..
  • Objektive Kriterien für Berufserfolg werden in einem Viertel aller Antworten genannt.
  • Bei den objektiven Kriterien wird am häufigsten auf das Gehalt Bezug genommen.