Erfolgreiche gehörlose und schwerhörige Menschen im Beruf

Arbeits- und Lebenswelten, Bildungsgeschichten und Personen

Inhaltsbereich

Bedeutung des Elternhauses für den beruflichen Erfolg

Kommunikative Situation im Elternhaus

Die Hälfte der Untersuchungsgruppe hat mindestens ein hörgeschädigtes Familienmitglied (2 IP haben hörgeschädigte Eltern, 5 IP haben hörgeschädigte Eltern und Geschwistern, 8 IP haben hörgeschädigte Geschwister). Jedoch kommunizierten fast alle (91%) mit ihren Eltern in Lautsprache. Unsere Untersuchungsgruppe ist damit deutlich lautsprachlich geprägt, wobei einige IP später die Gebärdensprache oder einzelne Gebärden/ LBG lernten.

Die meisten IP mit hörgeschädigten Brüdern oder Schwestern berichten, dass diese ein Vorbild für ihre persönliche und/oder berufliche Entwicklung waren, oder aber sie selbst waren Vorbild für jüngere Geschwister.

„Mein Bruder ist genauso wie ich taub. Und ich glaube, es liegt auch daran, … dass wir beide uns gegenseitig unterstützen konnten. Und dass wir deswegen auch so weit gekommen sind im Leben.“

5 der 13 IP kommunizierten mit ihren Geschwistern in Gebärdensprache und mit ihren Eltern in Lautsprache. Sie konnten dadurch innerhalb der Familie die Erfahrung von verschiedenen Formen der Kommunikation machen und so ihre kommunikative Kompetenz erweitern.

Familiäre Bildungssituation: Frühe Förderung

Fast 40% der IP berichten von Eltern, die – unabhängig von Beruf und Bildungsniveau – belesen und vielfältig interessiert waren und dieses Interesse an ihren Sohn/ihre Tochter weitergegeben bzw. die Wichtigkeit von Bildung hervorgehoben haben. Sie haben sprachlichen Input gefördert, haben zum Lesen und Lernen angeregt und so aus der Sicht der IP wesentliche Impulse zum beruflichen Werdegang gegeben.

„Ich komm aus einem Haushalt, wo viel gelesen wurde, wo viel sich mit allen möglichen Themen des Alltagsleben, Allgemeinwissen auch beschäftigt wurde und ich könnte den Job natürlich nie machen, wenn ich nicht in so `nem Haushalt großgeworden bin, wo Lesen einfach schon per se dazugehört.“

Formen der elterlichen Unterstützung

Elterliche Unterstützung (n = 32)

Bei der Frage nach dem Einfluss die Eltern auf den persönlichen bzw. beruflichen Werdegang lassen sich drei Gruppen unterscheiden:

  • Unterstützendes Elternhaus (21 IP/66%)
  • Eher negativ gefärbte Erfahrungen mit den Eltern (5 IP/15%)
  • Bei 6 IP (19%) ist keine Aussage über die Qualität der Elternbeziehung möglich.

Unterstützendes Elternhaus

Als unterstützend erfahren wurde in erster Linie eine Grundhaltung der Eltern, in der Wertschätzung und Vertrauen zum Ausdruck kamen. Dazu gehören folgende Aspekte:

  • Gute kommunikative Basis, Konfliktfähigkeit

    „Sie haben mir vermittelt, dass es wichtig ist, dass man in unangenehmen Situationen ruhig bleiben muss. Wir reden dann auch darüber. Und dann klappt das schon. Also meine Eltern spielen schon eine wichtige Rolle für mich. (…) Sie haben mir viel Willenskraft gegeben.“

  • Bedingungsloses Annehmen, Wertschätzung

    „[Meine Eltern] haben immer gesagt: ‚Du bist wertvoll. Egal was du machst. Wie du es machst. Du bist wertvoll. Wir mögen dich.´ … Und sie haben deswegen auch keinen Druck ausgeübt, auch keinen Leistungsdruck. Dass ich zum Beispiel Gymnasium besucht habe, hat sich einfach ergeben.“

  • Förderung von Selbstständigkeit, Vertrauen und Zutrauen

    „Eltern müssen die Selbständigkeit ihrer Kinder unterstützen. Meine Eltern (…) haben mir oft gesagt: ‚Los jetzt, das musst du alles selbst machen‘. … Heute bin ich meinen Eltern dankbar dafür. Sie haben viele Entscheidungen mir selbst überlassen, ich bin selbstständig überall hingegangen“.

Nicht unterstützendes Elternhaus

5 Personen erlebten keine oder kaum positive Zuwendung. Sie orientierten sich außerhalb des Elternhauses und fanden Bestätigung durch bestimmte Personen (Freunde, Mentoren, eigene Familie) oder prägende Erlebnisse (Reisen, Hobbies).

Zusammenfassung

  • Die Hälfte der Untersuchungsgruppe hat mindestens ein hörgeschädigtes Familienmitglied, jedoch nur 9% haben ein gebärdensprachliches Elternhaus.

  • Weitere Familienmitglieder mit einer Hörschädigung fördern eine positive Identitätsbildung. Diese Familiensituation regt zu einer frühen Auseinandersetzung mit der Hörschädigung an und trägt zu einem bestmöglichen Umgang mit der Hörschädigung bei.

  • Knapp der Hälfte der Untersuchungsgruppe wurde von ihren Eltern vermittelt, dass Bildung und Ausbildung zentral sind für ihre Zukunft. Vor allem eine frühe Förderung des Lesens trägt zu einem erfolgreichen beruflichen Werdegang bei.

  • Die Mehrheit der Untersuchungsgruppe fühlt sich durch die Eltern unterstützt, indem diese ihnen Wertschätzung, ein Gefühl des Angenommen-Seins und Zutrauen in ihre Fähigkeiten vermittelt haben.

  • Nur eine Minderheit berichtet von mangelnder Unterstützung durch die Eltern. Diese suchten und fanden bei anderen Personen oder in anderen Bereichen Unterstützung.